10. April 2006

Vortrag von Kamerad Jens Lütke zur Demonstration in Lübeck am 1. April 2006:


Der Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung, der sich von Jahr zu Jahr steigerte, suchte sich unter den damals alten Menschen, unter den Frauen und unter den Kindern und jugendlichen Heranwachsenden seine Opfer. Wer ihm entkam, war voller Eindrücke von sich nähernden Bombeneinschlägen, von brennenden Straßenzügen, von verschmorten Leichen.

Einen solchen verheerenden Krieg konnte man nicht von heute auf morgen führen. Es bedurfte der Planung sowohl beim Aufbau der dafür geeigneten Rüstung, als auch der Strategie und der Taktik. Hatte ein Land sich für die Konzeption des Luftkrieges gegen Flächenziele - und das bedeutete: Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung - entschieden, dann mußte es die dafür notwendigen Flugzeugtypen rechtzeitig entwickeln, und das ging nicht im Handumdrehen. Kam die Führung eines anderen Landes zu dem Entschluß, ihre Luftwaffe ganz anders als gegen die Zivilbevölkerung, weit im feindlichen Hinterland einzusetzen, dann bedurfte auch diese Art der Kriegsführung einer besonderen Rüstungsplanung, die man, zumal wenn die Ressourcen beschränkt waren, nicht innerhalb kurzer Zeit umstellen konnte. Der Entschluß Großbritanniens, einen kommenden Krieg gegen Frauen und Kinder führen zu wollen, um damit die Moral der Bevölkerung zu brechen, wurde lange vor Ausbruch des Krieges gefaßt. Man war davon überzeugt, herrührend noch aus der Propaganda des Ersten Weltkrieges, daß man "das Gute" gegen "das Böse" verträte, "das Christentum" gegen "die Hunnen", "die Kultur und die Zivilisation" gegen "die Barbarei".

Die deutsche Luftwaffe dagegen war keineswegs für den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung gerüstet. So wurde schwerpunktmäßig in Deutschland die Sturzkampfbomberwaffe entwickelt, bekannt unter dem Kurznamen Stuka, Flugzeuge von verhältnismäßig kurzer Reichweite, die durch das Zielen im Sturz Punktgenauigkeit beim Treffen erreichten und daher ideal für die Bekämpfung von Bunkeranlagen, Panzeransammlungen, Kriegsschiffen geeignet waren, aber völlig ungeeignet für Bombenteppiche auf Flächenziele.

Ganz anders als in Deutschland waren Organisation der Luftwaffe, die Entwicklung der Luftrüstung und die Luftkriegsdoktrin in Großbritannien. Der Zusammenbruch der deutschen Kampfmoral 1918 gab den britischen Strategen und Politikern ein starkes Argument für ihre Auffassung, daß die Zivilbevölkerung das schwächste Glied eines feindlichen Staates sei. 1923 formulierte der Chef des britischen Luftstabes, Sir Hugh Trenchard, die Royal Airforce müßte beim nächsten Krieg zuerst den Widerstandswillen der feindlichen Zivilbevölkerung brechen, um damit den Stellungskrieg zu vermeiden. Am wichtigsten sei die Wohnraumzerstörung und die Vernichtung von Menschenleben unter der Zivilbevölkerung, so die RAF-Auffassung. Die US-amerikanische Doktrin ähnelte der britischen, wenn sie auch nicht ganz so radikal ausgeprägt war.

T rotzdem wird immer wieder behauptet, das Deutsche Reich habe den Luftkrieg begonnen. Doch die Luftkriegslegenden Coventry, Guernica, Warschau, Rotterdam usw. sind allesamt längst widerlegt. Als z.B. die deutschen Heerestruppen bis Warschau vorgestoßen waren und die polnische Hauptstadt zur Übergabe aufforderten, lehnte die polnische Führung die Übergabe ab. Warschau wurde erbittert verteidigt. Fünfmal forderte die deutsche Seite Warschau zur Übergabe auf. Fünfmal wurde sie abgelehnt, obgleich mittels Abwurf von Flugblättern Luftangriffe angedroht worden waren. Vor dem Sturm auf Warschau, der von heftigen Luftangriffen begleitet war, wurde die Bevölkerung aufgefordert, auch freigehaltene Straßen Warschaus - also Straßen, auf denen zum Schutze der Zivilisten keine Kampfhandlungen stattfinden sollten - zu verlassen. Sodann erfolgte der Luftangriff. Nach allgemeinem internationalen Kriegsvölkerrecht waren diese Luftangriffe auf eine in der Frontlinie liegende und verteidigte Stadt nicht zu beanstanden, was auch Berichte des französischen Militärattachés in Warschau an seine Regierung ausdrücklich bestätigten.

Die ersten Luftangriffe gegen England richteten sich allein gegen den Schiffsverkehr und ab Anfang August 1940 gegen militärische und Flugrüstungsziele in Küstennähe und in Nordost-England.

Es handelte sich ausnahmslos um gezielte Tagesangriffe. Bombenangriffe bei nicht einwandfreier Sicht sowie Angriffe auf London waren laut Führerbefehl zunächst verboten. Hitler hoffte immer noch auf einen Ausgleich mit Großbritannien. Erst als Erwiderung auf die Drohung des britischen Ministers Cooper, Hamburg zu "pulverisieren", antwortete Hitler in einer öffentlichen Rede, wenn das geschehe, werde Deutschland englische Städte "ausradieren".

Diese Äußerung wird seit Kriegsende gerne angeführt, um zu belegen, daß Deutschland den strategischen Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung begonnen habe. Die vorangegangene Drohung des britischen Ministers wird dabei als Ursache und Anlaß verschwiegen. Der Ankündigung Hitlers folgten übrigens keine entsprechenden Taten.

Nachdem nachts Bomben auf Wohngebiete von München geworfen worden waren, flog die deutsche Luftwaffe am 14. November 1940 einen Nachtangriff auf das in der deutschen Zielkartei als "Klein-Essen" benannte Coventry, für das die Zielunterlagen etwa 17 Flugmotoren- und andere Rüstungswerke auswiesen, die zwischen Wohngebieten über die ganze Stadt verteilt waren.

In dem entsprechenden Lagebericht des Luftwaffenführungsstabes wurde festgelegt, daß der Großangriff gegen Coventry die Flugzeug- und Flugzeugzubehörindustrie weitgehend lahmlegen sollte. Das britische Kriegskabinett konstatierte anschließend, daß dieser Angriff der bisher größte auf ein Rüstungszentrum gewesen sei und daß es sich um eine "legitime Kriegshandlung" gehandelt habe. Dabei wurden 41 ha von 780 ha bebauter Stadtfläche Coventrys zerstört, also rund 5 Prozent. (Zum Vergleich: In Hamburg wurden 2.500 ha bebautes Gebiet von insgesamt 3.390 ha von den Briten zerstört, das sind 74 Prozent.) Etwa 500 Einwohner der insgesamt 328.000 Einwohner Coventrys fanden den Tod, 800 wurden schwer verletzt. (In Hamburg starben als Luftkriegsopfer von 1940 bis 1945 bei einer Einwohnerzahl von 1,7 Millionen Hamburger Bürgern 48.853 Menschen. Allein während des Unternehmens "Gomorrha" im Juli 1943 waren es über 30.000. Die Kathedrale von Coventry wurde versehentlich getroffen und brannte aus. (In Hamburg vernichtete die Bombardierung 58 Kirchen und 77 weitere Kulturstätten.)

Um es zusammenzufassen: Deutsche Luftangriffe gegen englische Landziele, und zwar ausschließlich wirtschaftlicher und militärischer Art, begannen erst vier Monate nach Beginn der britischen Bomberoffensive gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Gezielte Angriffe gegen London wurden erst geflogen, nachdem britische Bomber achtmal bei Nacht Berlin angegriffen hatten.

Auf der Suche nach der wirkungsvollsten Strategie gegen Deutschland und die Moral der deutschen Zivilbevölkerung entwickelte in Großbritannien der Wissenschaftler Lord Cherwell ein Konzept, das von Premierminister Churchill gebilligt wurde. Es lautete: "Der Bombenabwurf soll sich im wesentlichen gegen die deutschen Arbeiterwohnviertel richten. Die Häuser der bessergestellten Klassen stehen zu aufgelockert und erfordern zwangsläufig einen Mehraufwand an Bomben. Fabriken und militärische Anlagen sind viel zu schwer zu finden und zu treffen. Bei absoluter Konzentration aller Kräfte auf die Herstellung von Bombenflugzeugen wird es möglich sein, in allen größeren Städten Deutschlands, das heißt in allen Städten mit über 50.000 Einwohnern, 50 % aller Häuser zu zerstören."

Der erste Angriff nach diesem Konzept erfolgte in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942. Man hatte dafür Lübeck ausgesucht. Die Gründe sind der offiziellen britischen Geschichtsschreibung zu entnehmen: "Lübeck, eine der alten Hansestädte an der Ostsee, wurde ausgesucht für den Angriff aus drei Gründen: 1. Es gab in der Stadt sehr viele Fachwerkhäuser, so daß die Stadt für einen Brandangriff außerordentlich verwundbar war. 2. wußten die Briten, daß die Luftabwehrkräfte um Lübeck vergleichsweise schwach waren. 3. würde das Eis der Ostsee bald brechen, so daß die Deutschen den Hafen hätten nutzen können, um Nachschub für ihre Truppen in Nordrußland und Skandinavien von dort zu verschiffen und um Erze aus Schweden einzuführen."

Tatsächlich traf der Angriff ausnahmslos den mittelalterlichen Stadtkern mit seinen Wohnvierteln, Kirchen, Museen. 243 Bomber waren eingesetzt und warfen 403 Tonnen Bomben, vor allem Brandbomben. Sprengbomben wurden erst von einer späteren Bomberwelle abgeworfen, um die Löschbemühungen zu behindern. Über 1.000 Wohnhäuser wurden zerstört, über 4.000 beschädigt sowie 320 Lübecker Einwohner getötet. Viele weltberühmte Kulturdenkmäler waren vernichtet, so der Dom, die Marienkirche, die Petrikirche und die mittelalterlichen Salzspeicher.

Nach diesem Muster wurde dann bis 1945 eine deutsche Stadt nach der anderen mit immer größeren Bomberverbänden systematisch vernichtet.

Die Tapferkeit der deutschen Luftwaffensoldaten konnte das Kriegsglück nicht wenden. Im November 1944 waren sowohl die deutschen Treibstoffreserven am Ende als auch die deutsche Treibstoffindustrie durch die gezielten Angriffe der amerikanischen Bomber zerstört. Die deutsche Luftabwehr war ausgeschaltet. Englische und amerikanische Flugzeuge konnten ohne jede Gegenwehr am Himmel über Deutschland operieren.

Ende 1944 verlangten einige britische Stabschefs, als Vergeltung für die deutschen V 1- und V 2-Angriffe auf London sollten deutsche Städte mit Giftgas angegriffen werden. Der britische Premierminister Churchill plante außerdem den Einsatz biologischer Waffen gegen Deutschland. In einem vom 6. Juli 1944 datierten Schriftstück ersuchte der Premierminister die Stabschefs, "kaltblütig zu prüfen … ob sich der Einsatz von Giftgas, wobei ich vor allem an Senfgas (Gelbkreuz) denke, auszahlen würde". Die Entscheidung zum Einsatz biologischer Waffen sei, laut Churchill, nicht von ethischen Erwägungen abhängig, sondern vielmehr eine "Frage sich verändernder Mode, so wie diese bei Frauenröcken zwischen lang und kurz wechselt". Mögliche Ziele für Angriffe mit biologischen Waffen (Churchill dachte an Milzbrand-Erreger = Anthrax) waren die Städte Hamburg, Stuttgart, Frankfurt am Main und Wilhelmshaven. Mit diesem Anthrax sollten 50 Prozent der Bevölkerung getötet werden, wobei die Verseuchung der angegriffenen Gebiete auf Jahre hinaus in Kauf genommen wurde. In Großbritannien stellte man auch Versuche mit Milzbranderregern an, so auf Inseln im Norden Schottlands, die heute noch nicht betreten werden können. Von seiten der USA wurde der Einsatz abgelehnt; man befürchtete, daß auch Deutschland solche Waffen besäße (was zutraf) und zurückschlagen könnte.

Auch ohne daß Giftgas oder biologische Waffen eingesetzt wurden, konnten im Zweiten Weltkrieg Wirkungen erzielt werden, wie sie sich die britischen Politiker und Strategen wünschten. Das zeigte sich in den letzten Kriegsmonaten, als Deutschland zur Gegenwehr kaum noch in der Lage war.

Noch in den letzten Kriegswochen dauerten die Terrorbombardements an. So griffen eine Woche nach der Vernichtung Dresden im Februar 1945 8.000 US-Bomber und -Jäger sowie Flugzeuge der britischen Royal Airforce Städte in Süd- und Mitteldeutschland an. Am erfolgreichsten waren sie mit ihrem Angriff auf Pforzheim, eine Stadt, die in den offiziellen Ziellisten der Alliierten gar nicht geführt wurde, weil sie für den Luftkrieg bedeutungslos war. Man hatte lediglich festgestellt, daß der Stadtkern besonders brandanfällig war und daß man, wie Arthur Harris sich ausdrückte, hier einen "prima Feueranzünder" vorfand. Ähnliche Überlegungen wurden angestellt, als man Worms, Mainz, Hildesheim, Potsdam, Würzburg, Chemnitz, Halberstadt, Plauen, Zerbst, Pirna, Brandenburg und Nordhausen angriff.

Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht schließlich holte das US-Militär zum großen Schlag gegen Japan aus. Wenige Tage nachdem die japanische Regierung sich bemüht hatte, mit den USA in Verhandlungen über einen Waffenstillstand zu treten, gab die US-Regierung den Befehl, die einzigen beiden von den USA entwickelten Atombomben auf japanische Städte abzuwerfen. Hiroshima und Nagasaki waren das Ziel. Weit über 200.000 Japaner verloren sinnlos ihr Leben. Wir werden auch diese Terroropfer nicht vergessen.