| Der 28. März 1942 war ein Sonnabend wie jeder andere. Lübecks Bürger bereiteten sich trotz erheblicher Beschränkungen, die der zweite Weltkrieg mit sich brachte, auf die Konfirmationsfeiern am darauffolgenden Palmsonntag vor. Um 23.02 Uhr gab es Luftgefahr 30, um 23.11 Uhr Luftgefahr 15 und um 23.16 Uhr erfolgte Fliegeralarm. Selbst das war nichts besonderes, denn Lübeck hatte schon mehr als 200 Fliegeralarme hinter sich, ohne daß ernste Schäden oder Beeinträchtigungen eingetreten wären. |
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In dieser Nacht sollte es jedoch anders kommen. Ein britischer Fliegerverband mit 40 zweimotorigen Maschinen, der zunächst am Nordostseekanal entlang flog, schwenkte mit abgestellten Motoren plötzlich südöstlich ein, erreichte bei Neustadt die Ostsee und steuerte dann, aus der Lübecker Bucht kommend, Trave aufwärts die Hansestadt an. Er wurde zwar mit lebhaften Flakfeuer empfangen, aber diese Abwehr blieb so gut wie unwirksam, da man kurz vorher die großen Scheinwerferbatterien aus Lübeck abgezogen hatte. Um 23:30 Uhr setzten die feindlichen Flugzeuge einen dichten Kranz strahlender Leuchtbomben rund um die Innenstadt herum, und noch in derselben Minute fielen schon Brandbomben auf die 800 Jahre alte Hansestadt herab. |
Genau ist die Reihenfolge der sich schnell ausdehnenden Großfeuer nicht mehr feststellbar. Durch die vielen alten Fachwerkhäuser war Lübeck so brennend wie eine Fackel und die anfänglich kleinen Dachstuhlbrände breiteten sich schnell über die gesamte Altstadt aus. Durch die Intensität der Flächenbrände entlud sich ein Feuersturm, dessen Hitze, Gesteinsstaub und Flugasche die Brandbekämpfung fast unmöglich machten. Hinzukam, das gegen ein Uhr durch einen Volltreffer auf die Hauptführungsrohre der Löschwasserversorgung in der Mühlenstraße das Wasser knapp wurde und mühselig aus der Trave und dem Kanal angefahren werden mußte. Und schließlich waren die Straßen der Innenstadt durch Gesteins- und Schuttmassen restlos versperrt, so daß die zur Feuerbekämpfung bereite Bevölkerung untätig zusah, wie ihr Hab und Gut in den Flammen unterging. |
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Besonders gefährdet waren die Lübecker Kirchen. In St. Petri konnten die ersten Brandbomben zwar mühelos gelöscht werden. Dann jedoch fiel eine Brandbombe unglücklich und blieb auf einem Dachsparren liegen. An diesen Brandherd konnte man nicht heran kommen, zumal das elektrische Licht plötzlich erlosch und die Rauchentwicklung immer stärker zunahm. Wasser zum Löschen müßte mühsam aus der Petersgrube heraufgeschleppt werden, da die Löschwanne zugefroren war. |
So stand plötzlich auch der Turm in Flammen. Ein abgeworfener Kanister hatte das Turmdach durchschlagen und war ausgelaufen. Wie eine Fackel leuchtete der Turm hell in der Nacht. Nur vierzig Minuten dauerte es, dann fiel die Turmspitze donnernd in den Kolk hinab, während der massivere Teil des Turmes in sich zusammensank. Eine weitere Hiobsbotschaft kam aus der Breiten Straße. Vom brennenden Karstadt-Kaufhaus waren Flammen über das Kanzleigebäude hinweg in den Ostteil der Marienkirche hinübergesprungen. Die Luftschutzmänner in St. Marien hatten zuvor schon zahlreiche Brandbomben gelöscht. Doch viel zu schnell dehnte sich das Feuer über die gesamte Kirche aus. So mußten alle Anstrengungen, wenigstens Teile dieses erwürdigen Kirchengebäudes zu erhalten, erfolglos bleiben. Als sich um 05:15 Uhr die Helme der hochragenden Türme zu Seite neigten, fingen die Glocken von St. Marien von selbst an zu läuten. Die herabgestürzten Glocken liegen noch heute, zum Gedenken an den Bombenterror im Innenraum der Kirche. |
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Am längsten hielt Lübecks Dom der Feuersbrunst stand. Hier war der Feuerschutz besonders gut organisiert. Zudem enthielt der Gebäudekomplex mehrere kräftige Brandmauern. Es soll gegen 1.30 Uhr gewesen sein, als das Erdgeschoß und der Keller des Dom-Museums durch Brandbomben Feuer fingen. Kurz darauf detonierte in unmittelbarer Nähe des Luftschutzkellers unter dem Südturm eine Sprengbombe, welche die Splitterwand wegriß und das Gewölbe im Seitenschiff schwer beschädigte. Inzwischen hatte sich wider Erwarten das Feuer im Dom-Museum immer weiter ausgedehnt, obwohl die Feuerwehrmänner ihr Wasser direkt aus dem Mühlenteich entnehmen konnten. Gegen den immer stärker werdenden Feuersturm waren sie jedoch machtlos. Ungehindert nahm die Katastrophe auch hier ihren Lauf. Vom Museum breitete sich das Feuer auf den Bischofsturm und von dort auf die große Orgel des Domes aus. Gerade hatten mutige Feuerwehrmänner ein Einzelfeuer gelöscht, als eine Luftmine herunterkam. Sie vollendete nicht nur das umfangreiche Zerstörungswerk, sie wies dem Feuer auch neue Wege, so daß jetzt Museum und Kirche in hellen Flammen standen. Erst vormittags, um 10.30 Uhr, stürzte der Helm des Nordturms, in der Mitte durchbrechend, mit großem Getöse ins sich zusammen. Und der Helm des Südturmes folgte um 14 Uhr. Er wurde wie ein Geschoß mitten zwischen die am Dom liegenden Häuser geschleudert. |
| Die mittelalterliche Bauweise der Innenstadt, bei der Brandmauern so gut wie ganz fehlen, begünstigte die Feuersbrunst erheblich, sie hatte darüber hinaus zur Folge, daß selbst nach der Entwarnung noch zahlreiche Brände neu entfachten. So brannte die berühmte Kriegsstube des Lübecker Rathauses erst in den frühen Morgenstunden aus. Auch auf das historische Schabbelhaus griff der Flächenbrand erst lange nach dem Fliegerangriff über. Der aufopferungsvolle Einsatz der Feuerwehrmänner und freiwilligen Helfer konnte das Chaos dieser Bombennacht zwar nicht aufhalten, er hat aber die Zerstörung vieler historischer Bauten und Häuser gerade in der Innenstadt verhindert. Vor allem bargen diese Männer oft unter Einsatz ihres Lebens Hunderte von Verletzten aus brennenden Häusern und zerstörten Luftschutzkellern. |
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Als Lübecks Bürger am Palmsonntagmorgen vor diesem grausigen Vernichtungswerk standen, welches annähernd 33.000 Bomben mit einem Gewicht von etwa 180.000 Kilogramm verursacht hatten, war weder das Ausmaß der menschlichen Not noch der baulichen Zerstörung zu übersehen. Eines aber wussten sie: ihre historische Innenstadt war vernichtend getroffen worden. |
| In der schwer gezeichneten Hansestadt Lübeck ging das Leben auch nach der Bombennacht vom 28./ .29 März 1942 weiter. Der Schmerz jedoch war tief. Die Verluste der Bevölkerung betrugen 298 Tote, 136 Schwerverletzte, 649 Leichtverletzte und 4 Vermisste. Unter großer Beteiligung der Lübecker Bürger setzte man die Opfer auf dem Ehrenfriedhof bei. Noch heute erinnern Holzkreuze an die Toten dieser Terrornacht. |
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Nicht minder schwer waren die Zerstörungen, welche die 800jährige Stadt erlitten hatte. Von St. Marien, dem Dom und St. Petri standen nur noch Ruinen. Ihre fünf Türme fehlten in der historischen Stadtsilhouette. Auf dem Markt hatten lediglich das Rathaus (mit Ausnahme der ausgebrannten Kriegsstube) und die Post den Feuersturm und Bombenhagel überstanden. Der Kohlmarkt war völlig vernichtet worden. Zahlreiche Totalschäden lagen in der Breiten Straße (zwischen Beckergrube und Mengstraße), Sandstraße, am Klingenberg, in der Königstraße (zwischen Aegidienstraße und Wahmstraße), oberen Wahmstraße, oberen Beckergrube, oberen Holstenstraße sowie in der Krähenstraße vor. Das sogenannte Gründerviertel existierte nicht mehr. Vom Schabbelhaus und Dom-Museum waren nur wenige Ruinenreste übriggeblieben. Und schließlich hatte das Feuer viele Einzelgebäude in der übrigen Innenstadt sowie in den Vorstädten St. Lorenz (mit dem Bahnhof) und St. Jürgen zerstört. Aus Sicherheitsgründen mußten in den ersten Wochen nach der Bombennacht überall in der Innenstadt Ruinen und Hausfassaden gesprengt werden. |
Überaus umfangreich war auch die Liste der zerstörten Lübecker Kunstwerke. Doch selbstverständlich galt in den Tagen nach jener grausigen Bombennacht die Hauptsorge den Rund 10.000 obdachlos gewordenen Menschen. So mussten umgehend Umquartierungen vorgenommen, Notunterkünfte errichtet und beschädigte Wohnungen in Stand gesetzt werden. Den provisorisch eingerichteten Großküchen wurden täglich etwa 20.000 Portionen abverlangt. Familien, die nicht einmal mehr Kochgeschirr und Essbesteck besaßen, konnten in der Beckergrube Ersatz kaufen. Die durch den Fliegerangriff verletzt waren in den unbeschädigt gebliebenen und deshalb normal arbeitenden Krankenhäusern in den besten Händen. |
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Die Versorgung der Bevölkerung mit Gas, Strom und Wasser die von den Stadtwerken vorübergehend eingestellt werden musste, lief verhältnismäßig schnell wieder an. Bereits nach neun Tagen hatte die gesamte Stadt Wasser, Strom und Gas. Selbst die Telefonanschlüsse funktionierten wieder. Der Straßenbahnverkehr allerdings konnte zunächst lediglich in den Außenbezirken aufgenommen werden, da die Straßen der Innenstadt durch riesige Schuttmassen versperrt waren. |
Diese Schuttmassen stellten damals ein geradezu unlösbares Problem dar, zumal es sich nach einer glaubwürdigen Schätzung um etwa 700.000 Kubikmeter Gesteinsreste handelte. Da weder Menschen noch Fahrzeuge und Geräte in ausreichender Anzahl zur Verfügung standen, begnügte man sich damit, zumindest erst einmal die Straße für den Verkehr freizubekommen. Daneben galt es, Einsturzgefahren bei stark beschädigten Häusern zu beseitigen und Bombentrichter einzuebnen. Um Fehlplanungen beim Wiederaufbau der Innenstadt zu vermeiden, wurden Kommissionen gebildet, die den Einsatz der Handwerkerschaft nach genau festgelegten Dringlichkeitsstufen zu leiten hatten. |
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Das Wichtigste war natürlich, die zahlreichen Obdachlosen so schnell wie möglich wieder unter ein Dach zu bekommen. Deshalb fingen die Kolonnen mit ihrer Arbeit bei den Leicht beschädigten Häusern an. Schwer beschädigte Gebäude wurden zurückgestellt, während Totalschäden völlig unberücksichtigt bleiben mußten. Alle Instandsetzungen durften nur die dringendsten Schäden beseitigen. Architektonische Gesichtspunkte spielen überhaupt keine Rolle. Vor allem aber waren alle Bauarbeiten an Geschäftshäusern streng untersagt. Aus städtebaulichen Gründen lehnte man Großveränderungen größeren Stiles von vornherein ab. |
Vor allem setzte man sich dafür ein, daß innerhalb des historischen Stadtbildes die Straßenzüge in ihrer ursprünglichen Form erhalten bleiben sollten. Besonders wertvolle Giebel und Fassaden durften selbst bei großer Baufälligkeit nicht abgerissen werden. Eine besondere Kommission von Fachleuten schließlich hatte die Statistischen Verhältnisse in den drei Kirchenruinen zu untersuchen, da es der Wunsch der Bevölkerung war, gerade die Kirchen bis zu einem eventuellen späteren Wiederaufbau unter allem Umständen baulich zu sichern. Lübeck blieb im weiteren Verlauf des zweiten Weltkrieges – abgesehen von den Bombardement eines Rüstungsbetriebes am Stadtrand – von weiteren Fliegerangriffen verschont. |
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