24.03.2011
Rede von Jens Pühse zum Lübecker Bombenterror
Wir
bedauern, daß Kamerad Jens Pühse, der eigentlich als Redner für
unseren Trauermarsch zugesagt hatte, kurzfristig absagen mußte. Seinen
bereits ausgearbeiteten Redebeitrag möchten wir unseren Lesern jedoch
nicht vorenthalten:

Kameradinnen
und Kameraden,
anläßlich des heutigen Gedenktages wurde ich gebeten, ein paar
Worte dazu beizutragen. Ich komme diesem Wunsch gern nach, nicht zuletzt
deshalb, weil meine Heimatstadt Bremen ein ähnliches Schicksal erleiden
mußte.
Hier in Lübeck nahm ein Vernichtungsfeldzug den Anfang, der fast alle
deutschen Großstädte während des Krieges traf und auch viele
kleine und mittlere Städte nicht verschonte. Ziel waren fast immer
die Bewohner der Innenstädte, in der Mehrzahl Frauen, Kinder und Greise.
Was in Lübeck 1942 begann, fand seinen Höhepunkt 1945 in Dresden,
setzte sich schließlich fort in den von Mord und Vergewaltigung geprägten
Vertreibungen in den deutschen Ostgebieten und den Atombombenabwürfen
auf Hiroshima und Nagasaki.
Ein Blick in Berichte der Erlebnisgeneration erschüttert heute noch.
Sie geben Kunde von dem ungeheuerlichen Zerstörungswerk, das die britischen
Bomber bei ihrem Nachtangriff auf die Hansestadt Lübeck an den herrlichen
Denkmalen alter Baukultur angerichtet haben. Der barbarische Luftangriff
richtete sich in der Hauptsache gegen die historische Innenstadt, die sich
zwischen den beiden Travearmen befand und mit den spitzen Türmen ihrer
Kirchen eine charakteristische Silhouette auch auf weiteste Entfernung abgab.
Von Bomben getroffen wurde der 1173 gegründete Dom mit seinem Museum,
das naturhistorische und völkerkundliche Sammlungen von hohem Wert
barg, sowie die Oberschule am Dom. Getroffen wurde wurde die doppeltürmige
Marienkirche, Lübecks gewaltigstes Bauwerk, das mit seiner Lage im
Mittelpunkt der Stadt ihr prächtiges Bild beherrschte ebenso wie die
gleichfalls aus dem 13. Jahrhundert stammende Petrikirche.
Die Aufzählung der zerstörten Bauwerke setzt sich fort mit dem
alten Rathaus und seiner einzigartigen "Kriegsstube", einem unschätzbaren
Kunstwerk und zugleich Sitzungssaal des Senats. Genannt wird das "Schabbelhaus",
ein Zeuge althansischer Bürgerkultur und die als "Katherineum"
bekannte und berühmte Gelehrtenschule, die auch die Stadtbibliothek
beherbergte. Nicht vergessen wurden in dieser Liste die mittelalterlichen
Salzspeicher, die der Stadt an der Trave ihr charakteristisches Gepräge
gaben.
Viele andere Beispiele könnten noch aufgezählt werden, bei denen
es sich um ähnliche Kulturwerte handelte, die, soweit sie nicht zerstört
wurden, durch schwere Beschädigungen unersetzliche Verluste erlitten.
Die erwähnten Beispiele mögen genügen, denn sie waren in
ihrer einmaligen Größe und Schönheit Kulturgüter, die
gewissermaßen der ganzen Welt gehörten und ungezählten Besuchermassen
aller Kulturnationen seit Jahrhunderten Gegenstand der Bewunderung und Verehrung
waren, ganz abgesehen von den kirchlich-kultischen Werken, die der Vernichtung
oder schweren Beschädigung anheimfielen.
Wie konnte es dazu kommen? Warum haben ausgerechnet die Kräfte, die
pausenlos von Demokratie und Menschenrechten redeten und auch heute noch
reden, sich derart barbarischer Methoden bedient? Wußten sie, was
sie taten?
Sie wußten es nicht nur. Sie glaubten ernsthaft daran, mit diesen
Mitteln den Krieg schneller gewinnen zu können. So wies der berüchtigte
Prof. F. A. Lindemann, Berater des britischen Premierminister Churchills
in einem Bericht darauf hin, daß eine Flächenbombardierung den
feindlichen Kampfgeist brechen könne. Vor allem dann, so Lindemann,
wenn sie sich gegen die Arbeiterwohnbezirke der 85 deutschen Städte
mit mehr als 100000 Einwohnern richten würde. Seine Pläne wurden
angenommen. Gegenargumente anderer Wissenschaftler und Militärs zogen
nur die Effektivität von Tod und Zerstörung in Zweifel. Moralische
Bedenken kamen nicht zur Sprache. Der Krieg sollte mit allen Mitteln fortgesetzt
und gewonnen werden. Die Wiederaufnahme von Gesprächen auf diplomatischer
Ebene auf der Grundlage einfacher Schaden - Nutzen - Analysen oder ganz
einfach des gesunden Menschenverstandes war nicht gewollt - genau so nicht
gewollt wie der Friedensflug des Jahres 1941.
Die Ursprünge dieses Denkens gehen jedoch noch weiter zurück.
So wurde bereits im Jahr 1928, also lange vor Hitlers Machtübernahme,
die sogenannte Trenchard-Doktrin entwickelt. Die nach dem gleichnamigen
britischen Luftmarschall benannte Doktrin bildete den konzeptionellen Vorläufer
der späteren britischen Flächenbombardierungs - Direktive des
Jahres 1942.
Ihre Kernaussage war, daß es in einem Kriege strategisch günstiger
sei, die gegnerische Rüstungsindustrie zu zerstören, als gegen
die gegnerischen Streitkräfte in direkter Feldschlacht vorzugehen.
Die Zerstörung von reinen Wohngebieten wurde dabei ganz selbstverständlich
eingeschlossen.
Aufgrund dieser Luftkriegsdoktrin wurde in Großbritannien bereits
seit Anfang der dreißiger Jahre an der Entwicklung und dem Aufbau
einer Flotte schwerer Bomber mit großer Reichweite gearbeitet. Die
schnelle Einsatzfähigkeit der schweren Bomber vom Typ Lancaster zu
Beginn des Zweiten Weltkrieges beruhte auf den weitreichenden Planungen
Anfang der dreißiger Jahre. Neben dem Aufbau der Bombentransportkapazität
wurde auch an der Hauptwaffe des Bombenkrieges, dem Elektron-Thermitstab,
gearbeitet. Im Oktober des Jahres 1936 erging ein Produktionsauftrag des
britischen Verteidigungsministeriums über die Produktion von 4,5 Millionen
Brandbomben dieses Typs. Bei Kriegsbeginn waren bereits mehr als 5 Millionen
Stück verfügbar. Unter Friedenspolitik verstehe ich etwas anderes!
Die konkrete Anweisung zum Flächenbombardement wurde schließlich
am 14. Februar 1942 vom britischen Luftfahrtministerium herausgegeben.
Lübeck wurde das erste Opfer dieser Strategie. Die Stadt wurde von
den Stäben der RAF (Royal Airforce) gezielt ausgesucht, um die Wirkung
eines zynisch "moral bombing" genannten Angriffs mit einem sehr
hohen Anteil von Brandbomben in einer dicht besiedelten größeren
Altstadt ausprobieren zu können. Die Dichte der mittelalterlichen Bebauung
und ihr Holzanteil ließen die Stadt als ideales Ziel erscheinen.
Für die britischen Bomber herrschten ausgezeichnete Sichtbedingungen
beim Anflug auf die Großstadt. Am Samstagabend des 28. März 1942
schien ein voller Mond bei frostklarer Nacht, so daß die Oberflächen
von den Gewässern der Trave, des Elbe-Lübeck-Kanals und der Wakenitz
rund um die Altstadt der Stadt an der Lübecker Bucht das helle Mondlicht
in den frühen Morgenstunden des folgenden Palmsonntags reflektierten.
Die Flugzeuge kamen aus Richtung Neustadt. Ab 23:18 Uhr, dem Beginn des
Fliegeralarms, warfen 234 Bomber bis zum Ende des Angriffs gegen 2:58 Uhr
etwa 400 Tonnen Bomben, darunter etwa 25.000 Brandbomben ab.
Der Angriff lief in drei Angriffswellen ab. Infolge der geringen Gegenwehr
der fünf schweren und vier leichten Flak-Batterien konnten die britischen
Bomber-Besatzungen aus einer sehr niedrigen Flughöhe von nur 2.000
Fuß, was etwa 600 m entspricht, die Ziele präzise belegen. Lediglich
12 Flugzeuge gingen verloren.
Die Folgen waren verheerend. Die abgeworfenen Sprengbomben öffneten
die Ziegeldächer der backsteingotischen Häuser und die Kupferdächer
der mittelalterlichen Kirchen. Sie legten Dachstühle mit großen
Mengen trockenen Holzes frei, das von den Brandbomben entzündet wurde
und mehrere Tage lang brannte. Die Brandbekämpfung wurde erschwert,
weil Löschwasser eingefroren war und die öffentliche Wasserversorgung
durch Bombentreffer ausfiel.
"Vom benachbarten
Kaufhaus sprang das Feuer auf die Marienkirche über. Bald loderten
die beiden Türme wie zwei riesige Fackeln. Gegen 5 Uhr morgens, so
berichten Augenzeugen, senkten sich die Türme wie besiegt zur Seite,
und die Glocken begannen von selbst zu läuten, ehe sie rotglühend
zu Boden stürzten."
Auf der Altstadtinsel
wurde ein etwa 300 m breiter Streifen als Schneise vom Lübecker Dom
in Richtung Marienkirche mehr oder weniger dem Erdboden gleich gemacht.
Ein weiteres kleineres Gebiet nördlich der Aegidienkirche am Balauerfohr
war genauso hart betroffen wie weite Teile der Vorstadt Lübeck-St.
Lorenz westlich des Holstentores und des Lübecker Hauptbahnhofs.
Nach den Angaben
der Polizei verloren 320 Personen ihr Leben, drei blieben vermißt,
783 wurden verletzt. Mehr als 15.000 Lübecker verloren das Dach über
dem Kopf, da 1.468 Gebäude völlig zerstört, 2.180 schwer
und 9.103 leicht beschädigt wurden. Der Verkehr der Lübecker Straßenbahn
blieb bis zum Jahr 1945 unterbrochen.
Neben dem bereits
genannten Premierminister Churchill trug Arthur Harris, Kommandeur der RAF,
die Verantwortung. Er schrieb hierzu nach dem Krieg - ohne eine Spur von
Reue - daß Lübeck hätte in Flammen aufgehen müssen,
weil es eine Stadt von überschaubarer Größe gewesen sei,
mit einem Hafen von gewisser Bedeutung mit einer U-Boot Werft in Stadtnähe.
Es sei kein wichtiges Ziel gewesen, aber es sei ihm zweckmäßiger
erschienen, zunächst eine Industriestadt von mittlerer Bedeutung zu
zerstören, als bei der Zerstörung einer großen Industriestadt
womöglich zu versagen. Hier tut sich eine Gedankenwelt auf, die kaum
faßbar ist in ihrer Kaltschnäuzigkeit.
Dieser Strategie
der Flächenbombardierung lag die Annahme zugrunde, das Bombardieren
von Wohngebieten - anstelle militärischer Anlagen - würde den
Kampfwillen der Zivilbevölkerung schwächen. Man hoffte, Aufstände
oder Revolution gegen das Regierungssystem in einem gegnerischen Staat auszulösen,
um aus der Destabilisierung des Gegners einen kriegswichtigen Vorteil ziehen
zu können. Diese Annahme erwies sich jedoch als Trugschluß. Es
ist heute allgemein bekannt, daß diese Strategie zum exakt entgegengesetzten
Ergebnis führt, nämlich einer Solidarisierung der Bevölkerung
mit einem Regierungssystem gegenüber dem Angreifer.
Spätestens
1944 hätten das auch die Verantwortlichen für diese verbrecherische
Form der Kriegsführung begreifen müssen. Dennoch ging das Bombardieren
weiter. Zu den Nachtangriffen britischer Bomber kamen die Tagesangriffe
der amerikanischen "Fliegenden Festungen". Stadt für Stadt
sank in Trümmern. 1945 wurden selbst Kleinstädte angegriffen,
die Tage später von den Alliierten besetzt wurden.
Das Ende des
Zweiten Weltkrieges brachte kein Ende dieser Verbrechen. Sie fanden ihre
Fortsetzung in Korea, Vietnam, Kambodscha und Laos. An die Luftangriffe
auf Bagdad oder Kundus werden sich auch jüngere Kameraden erinnern
können.
Zwar ist allgemein
bekannt, daß Flächenbombardierungen im Widerspruch zu Artikel
27 der Haager Landkriegsordnung stehen, welche eine Schonung von entsprechend
gekennzeichneten und nicht militärisch verteidigten Kulturgütern
verlangt d.h. "um die dem Gottesdienste, der Kunst, der Wissenschaft
und der Wohltätigkeit gewidmeten Gebäude, die geschichtlichen
Denkmäler, die Hospitäler und Sammelplätze für Kranke
und Verwundete soviel wie möglich zu schonen".
Die Frage,
ob es legitim sei, die Zivilbevölkerung im Krieg zu bombardieren, ist
längst mit einem klaren "Nein" beantwortet worden, selbst
von Kriegsverbrechen wird mittlerweile gesprochen. An dem Gefühl einer
allen Gegnern überlegenen Moral haben diese Tatsachen bei den geistigen
Erben der damals Verantwortlichen wenig geändert. Man ist nur etwas
vorsichtiger geworden, da ihnen bei ihren Schandtaten die Kameras auf der
Spur sind.
Ihre Zeit neigt
sich dennoch dem Ende zu. Immer mehr Völker lassen sich von einer Propaganda,
die ausschließlich die "Segnungen" der westlichen Welt zum
Ziel hat, nicht mehr beeindrucken. Immer mehr Länder entgleiten ihrem
Einfluß - sei es in Südamerika oder in diesen Tagen in Nordafrika.
Und auch hierzulande wird ihre Zeit zu Ende gehen. Wir müssen es nur
wollen. Das sind wir den Toten der Bombennacht von Lübeck schuldig.